Leseband
Beim Auftakt zum neuen Schuljahr kam an der Oskar-Schindler-Gesamtschule eine ganz besondere Initiative an den Start: Das sogenannte „Leseband“ soll künftig in Jahrgang 5 für 20 bis 25 Minuten Lesezeit an vier Tagen in der Woche sorgen. Um das Kollegium optimal darauf vorzubereiten, fand am 20. August 2025 eine halbtägige Fortbildung statt – geleitet von Prof. Dr. Gailberger von der Universität Kiel.
Mit der Einführung des Lesebands zum Schuljahr 2025/2026 schlägt die Schule neue Wege ein. Es handelt sich dabei um das erste große Projekt an der Campusschule, die 2024 mit der feierlichen Unterzeichnung des Kooperationsvertrags zwischen der Universität Hildesheim und der Oskar-Schindler-Gesamtschule gestartet ist. Um 8:20 Uhr erklingt jeden Morgen ein eigens installierter Gong im Schulgebäude. Unabhängig vom laufenden bzw. vorherigen Unterrichtsfach beginn die Lesezeit als festes Ritual zu Tagesbeginn. So möchte die Oskar-Schindler-Gesamtschule das Lesen zum festen Bestandteil des schulischen Alltags machen.
Ein zentrales Anliegen des Lesebands ist es, gezielt die Leseflüssigkeit zu fördern. Denn wer flüssig liest, erschließt sich Texte leichter, liest motivierter und hat mehr Freude am Lesen. Im ersten Teil der Fortbildung rückte daher die Leseflüssigkeit als Schlüsselkompetenz in den Mittelpunkt. Prof. Dr. Gailberger ließ das Kollegium eindrücklich nachempfinden, wie es sich für Kinder anfühlt, wenn das Lesen stockt oder einzelne Wörter mühsam entschlüsselt werden müssen. Konkrete Übungen machten sichtbar, wie herausfordernd es ist, sich ohne ausreichende Leseflüssigkeit Inhalte zu erschließen – und wie wichtig regelmäßiges und strukturiertes Üben ist, um diesen grundlegenden Baustein der Lesekompetenz nachhaltig zu stärken.
Im anschließenden Workshop-Teil erprobten die Lehrkräfte fünf bewährte Lautlesemethoden und diskutierten deren Einsatzmöglichkeiten für ihre Lerngruppen: Chorisches Lesen, Tandemlesen, Lesen mit dem Ich-Du-Wir-Würfel, Vorlese-Theater und Lesen mit Hörbuchunterstützung.
Das Echo auf die Fortbildung war durchweg positiv: Das engagierte Kollegium brachte viel Eigeninitiative und Offenheit mit, um das neue Leseband zum Erfolg zu führen. Besonders wurde deutlich, wie bedeutsam das Thema Leseflüssigkeit und Leseförderung für das Lernen in allen Fächern ist – und wie wichtig es ist, dabei alle Schülerinnen und Schüler mitzunehmen. Die praxisnahen Übungen hinterließen einen bleibenden Eindruck im Kollegium. „Durch die praktischen Techniken wurde mir viel bewusster, wie sich die Schwierigkeiten beim Lesen für die SuS anfühlen“, berichtet Mareike Inhetveen, Lehrkraft für Wirtschaft und Englisch. Auch René Kerdyk, Lehrkraft für Mathematik und Naturwissenschaften, bestätigt den Erkenntnisgewinn: „Die Übungen aus der Fortbildung haben mir ein besseres Bild von der Situation leseschwacher Schüler vermittelt.“
Lena Hidalgo, Stammlehrkraft in Jahrgang 5 sowie Lehrkraft für Englisch und Spanisch, hebt hervor, wie sehr die Perspektivwechsel das Verständnis für die Herausforderungen der Schüler gestärkt haben: „Mir war nicht bewusst, wie wenig Spaß Lesen machen kann. Die Materialien, die einen in die Lage eines ‚schlechten‘ Lesers versetzt haben, haben für ein deutlich größeres Verständnis gegenüber unseren SuS gesorgt. Ich hätte diese Erfahrung gerne bereits im Studium gemacht.“ Dass die Fortbildung auch über den Deutschunterricht hinaus Impulse setzte, betont Julia Stell, Lehrkraft für Englisch und Spanisch: „Ich fand die Fortbildung super interessant. Ich konnte für mich viele Impulse und auch Motivation mitnehmen, auch im Fremdsprachen-Unterricht den Fokus nochmal mehr auf das Lesen zu legen und vielleicht mal eine Ganzschrift in Englisch auf diese Art und Weise mit meinem Kurs im erhöhtem Anforderungsniveau zu lesen. Ich fand es toll.“
Auch Dr. des. Nicoletta Bürger, Prof. Dr. Christof Wecker und Prof. Dr. Jochen Heins von der Universität Hildesheim nahmen an der Fortbildung teil. Sie begleiten die Einführung des Lesebands unabhängig und aus wissenschaftlicher Perspektive. Ihr Fokus: Lesen als Schlüssel zu Bildungsgerechtigkeit. Die begleitende Forschung will vor allem herausfinden, wie passende Lesematerialien und gezielte Förderung dazu beitragen können, Bildungsbenachteiligung abzubauen und allen Kindern erfolgreiche Lesebiografien zu ermöglichen. Die Ergebnisse fließen in das Profilfeld „Bildung und soziale Teilhabe“ der Universität ein.
Mit dem Leseband betritt die Oskar-Schindler-Gesamtschule Neuland – in enger Kooperation mit der Wissenschaft. Als erste weiterführende Schule in Niedersachsen integriert sie das Leseband systematisch in den Schulalltag. Nun wird gespannt darauf geblickt, wie die Schülerinnen und Schüler und das Kollegium die feste Lesezeit in den Alltag integrieren und welche Entwicklungen sich aus dem gemeinsamen Modellprojekt von Schule und Hochschule ergeben werden.